DEUTSCHE VERSION Medizinische Pros & Kontras fuer die Einlagerung von Nabelschnurblut


Medizinische Pros & Kontras für die Einlagerung von Nabelschnurblut


Ursprünglich wurden für Knochenmarktransplantate Blutstammzellen ("hämatopoietische" Stammzellen) aus dem Knochenmark eines passenden Spenders gewonnen. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) führt ein öffentliches Register von Erwachsenen, die zu einer Knochenmarkspende bereits sind. Ähnliche Register existieren auch in anderen Ländern. Trotz dieser Register können über 50% aller Patienten, die ein Transplantat benötigen, keinen passenden Knochenmarkspender finden.

Nabelschnurblut enthält Blutstammzellen, die noch primitiver als die im Knochenmark gefundenen Blutstammzellen sind. Auch sie können zur Regeneration des Immunsystems eines Patienten transplantiert werden. Die Nabelschnurblut-Webseite der Aktion Knochenmarkspende Bayern bietet eine unabhängige Übersicht zum Thema Nabelschnurblut.

Blut oder hämatopoietische Stammzellen sollten aber nicht mit "pluripotenten" Stammzellen durcheinander gebracht werden. Ganz aktuelle Forschungen haben herausgefunden, dass es möglich ist, diese elementaren oder pluripotenten Stammzellen aus überschüssigen menschlichen Embryonen zur Züchtung aller Arten menschlichen Gewebes zu nutzen. Allerdings gibt es ernsthafte ethische Bedenken bei dieser Forschung. Die Webseite des National Institutes of Health NIH bietet einen Überblick (in englisch) über die Stammzellarten . Pluripotente Stammzellen sind hier nicht Gegenstand der Diskussion. Wir behandeln hier nur Blutstammzellen, die aus der Nabelschnur ohne Gefährdung für Mutter und Kind gewonnen werden können und die in der Lage sind, ein komplettes Immunsystem aus Blutzellen aufzubauen.

Stammbaum von Stammzellen

UPDATE ZUM THEMA FORSCHUNG!
Seit Ende des 20. Jahrhunderts haben medizinische Forscher beobachtet, dass eine kleine Zahl von pluripotenten Stammzellen auch aus dem Knochenmark, dem Nabeschnurblut und der Plazenta gewonnen werden können. Noch erstaunlicher ist die Entdeckung, dass "Blutstammzellen" unter besonderen Umständen dazu gebracht werden können, sich zu anderen Gewebearten zu entwickeln. Mehr dazu finden Sie in der Rubrik News Report.

Die Vorteile der Transplantation von Nabelschnurblut gegenüber Knochenmark:

Die Gewinnung von Nabelschnurblut stellt kein Riskiko für Mutter und Kind dar, wohingegen sich ein Knochenmarkspender einer Narkose unterziehen muss und dem Risiko einer Infektion ausgesetzt ist.
Nabelschnurblut kann in Kryogeräten gelagert werden, wo es verfügbar ist, wenn es gebraucht wird. Die Kontaktaufnahme und Testung von Knochenmarkspendern, die bei der DKMS registriert sind, dauert Wochen.
In den USA bevorzugen Krankenversicherungen Nabelschnurblut-Transplantate gegenüber der Entnahme von Knochenmark, weil die Kosten viel geringer sind.
Weil die Stammzellen im Nabelschnurblut viel primitiver sind als die im Knochenmark, zeigen sie eine viel geringere Häufigkeit von chronischen Abstossungsreaktionen (graft versus host disease -GVHD). Das ermöglicht es, Transplantationen auch bei einer nicht so guten Übereinstimmung der Gewebemerkmale durchzuführen.

Die Nachteile der Transplantation von Nabelschnurblut gegenüber Knochenmark:

Weil die Stammzellen im Nabelschnurblut viel primitiver als die im Knochenmark sind, dauert der Prozess des Anwachsens (engraftment) länger. Das bedeutet, dass der Patient eine längere Zeitspanne anfällig für lebensbedrohliche Infektionen ist.
Ein typisches Nabelschnurblut-Präparat enthält oft nur genug Stammzellen zur Anwendung bei einem grossen Kind oder einem kleinen Erwachsenen (mit einem Gewicht bis 50 Kilogramm). Gegenwärtig untersucht die Forschung Methoden und Sicherheit bei Transplantation von Nabelschnurblut bei Erwachsenen (mehr dazu in der Rubrik Aktuelle Forschung).


Wenn Nabelschnurblut so toll ist, warum wird es dann nicht für jeden aufbewahrt?

Weil es Geld kostet. Während ein Knochenmarkspenderegister nur eine Datenbank potenzieller Spender ist, muss eine Nabelschnublutbank Kryotanks mit gefrorenem Blut und das Personal zur Betreuung bereitstellen. In einer idealen Welt würde von allen Babys (mit Erlaubnis der Eltern) das Nabelschnurblut gewonnen und in öffentlichen Banken gelagert werden. In der Praxis hat nur eine limitierte Zahl von Forschungskrankenhäusern die Mittel, eine non-profit NSB-Bank, die kostenlos Spenden annimmt, zu unterhalten. In der Rubrik Arten von NSB-Banken finden Sie mehr zu den verschiedenen Banken und Hinweise, wo Sie Nabelschnurblut spenden können.

Für die meisten Eltern steht die Spende von Nabelschnurblut nicht zur Option, weil die Zahl der Örtlichkeiten. die von den öffentlichen Banken bedient werden, sehr beschränkt ist. Sie müssen selbst entscheiden, ob Sie sich in Bezug auf eine Aufbewahrung der Stammzellen für Ihr Kind so sicher sind, dass Sie für eine private Einlagerung bezahlen wollen.


Transplantationsfotos

Shai erhält eine KM-TX
Shai (Shai Miranda Verter, die Tochter von Dr. Frances Verter,
9.12.1992--2.9.1997) erhält ihr Knochenmarktransplantat
am Children's Hospital of Philadelphia am 3.4.1997.
Der Pfeil zeigt das Knochenmark.

Mutti hält Shai's Hand
Die Geschichte von Shai's Knochenmarkspender, einem Mann aus England.


Wird die Einlagerung von Nabelschnurblut mein Baby eine lebenslange "medizinische Versicherung" bieten?

Die Chancen, dass ein durchschnittliches Baby jemals sein eingelagertes Nabelschnurblut benötigt, liegen bei etwa 4 zu 10.000 (0,04 %). Die Zahl stammt aus einem Artikel zur Nabelschnurblut-Einlagerung von Dr. F. Leonard Johnson, der im Blood & Marrow Transplant Newsletter, Ausgabe 43, Oct. 98, vol.9 no.3 erschienen ist.

Allerdings beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch ein Transplantat mit eigenen Stammzellen benötigt, bei einer Lebensspanne von 70 Jahren 1 zu 400 (0.25%)
Referenz: Die Präsentation von J. J. Nietfeld und F. Verter am 2. Okt. 2004 an der Tufts U. Medicine ICBS conference oder der Vortrag in Form von PowerPoint Folien (808 KB)

Verschiedene medizinische und ethische Fachgruppen haben Stellungsnahmen gegen das NSB-Banking veröffentlicht:

Allerdings basieren alle diese negativen Meinungen allein auf Transplantationen bei Kindern und ignorieren die mögliche Verwendung von NSB bei Erwachsenen oder in der regenerativen Stammzellmedizin.

Argumente für das private Stammzell-Banking:


Tabelle 1. Wahrscheinlichkeit für eine HLA-Übereinstimmung bei gemischter Herkunft
Herkunft Patient Herkunft Spender
Kauk Afr-Am Asiat Hisp Ur
Kaukasisch .77 .52 .43 .68 .70
Afr-Amer .18 .61 .08 .26 .20
Asiat-Amer .29 .15 .78 .30 .32
Hispanisch .54 .42 .35 .69 .57
Ureinwohner .61 .49 .53 .71 .76
Die Tabelle zeigt die Wahrscheinlichkeiten, dass Patienten einer bestimmten (gemischten) ethnischen Herkunft in einer Datei aus 500.000 Menschen einen passenden 6/6 HLA-A, B, DR Spender finden.
Referenz: Kopiert aus dem Artikel "Impact of racial genetic polymorphism upon the probability of finding an HLA-matched donor", by Beatty, PG, Mori, M, & Milford, E; erschienen in 1995 Transplantation 60(8):778-83.

Tabelle 2. Zusammensetzung des NMDP-Spenderegisters am 31. Dez. 2002
Herkunft Prozent
Kaukasisch 52.4%
Afro-Amerikanisch 8.0 %
Asiat/Pazifische Inseln 6.5 %
Hispanisch 8.5 %
Ureinwohner 1.2 %
Gemischte Herkunft 2.2 %
Unbekannt 21.1 %
         
Tabelle 3. Wahrscheinlichkeit einen passenden Spender im NMDP-Register zu finden am 31.7.2003
Herkunft Prozent
Kaukasisch 88 %                              
Afro-Amerikanisch 58 %                             
Asiat/Pazifische Inseln 75 %                              
Hispanisch 79 %                              
Ureinwohner 83 %                                


Einschränkungen bei der Anwendung von eingelagertem Nabelschnurblut als Quelle in Form lebenslangen "medizinischen Versicherung":

  1. Krankheiten, die eine Blutstammzell-Transplantation erforden, sind immer noch selten, obwohl die Liste der Krankheiten, die für eine solche Behandlung in Frage kommen, ständig wächst.

  2. Die eingelagerten Stammzellen sind nur so lange eine Versicherung, wie die gefrorenen Zellen verfügbar sind. Bislang hat die Forschung nur eine Langzeithaltbarkeit der Präparate von bis zu 15 Jahren bestätigt, aber die bestehende Literatur zur Kryokonservierung deutet darauf hin, dass ein Lagerung über Jahrzehnte machbar ist.

  3. Die eingelagerten Stammzellen sind nur so lange eine Versicherung, wie es in dem Präparat genug Stammzellen für eine erfolgreiche Transplantation gibt, erst recht wenn aus Ihrem Baby ein viel größerer Erwachsener geworden ist. Auch hier zeigt die Aktuelle Forschung verschiedene Methoden, auch grosse Erwachsene mit eingelagertem Nabelschnurblut zu behandeln.

  4. Auch bei Erwachsenen, wo autologe Transplantate mit den eigenen Stammzellen gebräuchlicher sind, gibt es alternative Stammzellquellen im Knochenmark oder dem zirkulierenden Blut.

  5. Es werden viele regenerative Therapien entwickelt, die die eigenen Stammzellen des Patienten verwenden. Eine der gebräuchlichsten und viel versprechendsten ist die Verwendung der Stammzellen zur Regeneration des Herzens. Erwachsene Patienten, die Nabelschnurblut eingelagert haben, hätten eine sofort nutzbare Stammzellquelle für die regenerative Medizin.

Wenn Eltern das Nabelschnurblut eines neugeborenen Babys einlagern, bieten sie damit vor allem eine medizinische Versicherung für das Geschwisterkind an. Erst langfristig, wenn das Kind grösser wird, wird es für die Eigenanwendung wertvoll.


Wie viel Nabelschnurblut wird für ein Transplantat benötigt?

Entscheidend ist nicht das Volumen des NSB-Präparats, sondern die Zahl der enthaltenen Zellen. Diese werden mit dem Text auf "CD34+" gemessen, der sie aus den kernhaltigen Zellen herausfiltert.

Die "optimale (Transplantions) Dosis liegt bei etwas 20 Millionen kernhaltige Zellen pro Kilogramm Körpergewicht."
Die Zahl der Stammzellen wird entscheidend, wenn das NSB für erwachsene Patienten verwendet wird: "Patienten, die weniger als 10 Millionen kernhaltige Zellen pro Kilogramm erhalten haben, wiesen eine Wahrscheinlichkeit von 75% auf zu sterben, während Patienten mit mindestens 30 Millionen kernhaltigen Zellen pro Kilogramm ein 30%-ige Wahrscheinlichkeit zu sterben hatten.
Referenz: Editorial von Gluckman, E. NEJM 2001;344:1860

In einer Studie zu 542 Familien, die NSB an mehreren hundert verschiedenen Krankenhäusern entnehmen liessen, betrug das durchschnittliche Volume 103,1 ml (einschliesslich Antikoagulanz) und 890 Millionen kernhaltige Zellen.
Referenz: W Reed, et al, Blood 2003; 101(1):351

Im Durchschnitt enthält ein NSB-Präparat 8,6 Millionen kernhaltige Zellen pro Milliliter. Ein erfolgreiches Transplantat erfordert die Sammlung von 1 Milliliter NSB pro Pfund (2,2 Milliliter pro Kilogramm) des Patientengewichts. (1 Milliliter entspricht 1 Kubikzentimeter).


Nehmen die potenziellen Anwendungsmöglichkeiten für Nabelschnurblut zu?

JA! JA! JA!

Seit dem Jahr 2000 gibt es dramatische medizinische Fortschritte auf dem Gebiet der Stammzellforschung. Und jeden Monat kommen mehr dazu. Die neuesten Veröffentlichungen finden Sie in der Rubrik "News Report".

Einige Höhepunkte:

Angesichts dieser Vorteile ist die Hoffnung nicht unbegründet, dass Nabelschnurblut eventuell genutzt werden kann, um eine grössere Zahl an Autoimmun- und degenerativen Erkrankungen zu behandeln, als es gegenwärtig machbar ist.


Wenn ich Nabelschnurblut des einen Kindes eingelagert habe, sollte ich das auch beim nächsten tun?

JA!

Zunächst wissen Sie nicht, ob die Gewebemerkmale des nächsten Kindes zum vorherigen passen. Die Gewebemerkmale, die so genannten HLA-Typen, bekommt ein Kind in Paaren - jeweils eins von der Mutter und eins vom Vater, die wiederum auch zwei Paare zu vergeben haben. Obwohl es möglich ist, dass Geschwister perfekt passende HLA Merkmale haben, können sie auch überhaupt nicht übereinstimmen. Weil ein Nabelschnurblut-Transplantat keine perfekte Übereinstimmung haben muss, kann es aber auch nicht komplett unpassend sein.

Zweitens können Sie nicht vorhersagen, welches Kind einmal ein Transplantat benötigt.

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